Woran bemisst sich der Wert eines Menschen?

Kirchenpräsidentin Susanne Bei der Wieden (Foto: Ulf Preuß)

Kirchenpräsidentin Susanne Bei der Wieden hat sich in einem Zwischenruf zur aktuell in Deutschland geführten Debatte um die Zukunft des Sozialstaats geäußert.

"Unser gesellschaftliches Miteinander basiert auf dem Grundgesetz – und damit auf der unveräußerlichen Würde aller Menschen. Diese wurzelt im jüdisch-christlichen Verständnis eines jeden Menschen als Ebenbild Gottes, bildet den Nährboden für eine gerechte Welt und sichert die Grundwerte unserer Gesellschaft: Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

Als Christin und Bürgerin erschreckt mich zutiefst, wie diese Grundwerte im politischen Diskurs zurzeit öffentlich aufs Spiel gesetzt werden - nicht nur in Hass- und Hetzrede an den politischen Rändern, sondern in der Mitte der Gesellschaft. Insbesondere gesellschaftlich Schwache, Kranke und Bedürftige werden pauschal als arbeitsscheu diffamiert, ihnen wird unterstellt, soziale Leistungen maximal auszunutzen und jegliche Spielräume für Eigeninteressen zu nutzen. Dadurch werden Menschen, die ohnedies um Anerkennung und Würde ringen müssen, noch weiter entwertet und herabgewürdigt. Die Ankündigung radikaler Kürzungen – zum Beispiel in der zahnärztlichen Versorgung – schürt Zukunftsängste. Am Schlimmsten ist: Menschen werden zu Sündenböcken der derzeitigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lage gemacht. Das entbehrt jeglicher Nächstenliebe. Und das alles geschieht öffentlich und ohne jede Scham.


"Als Christin und Bürgerin erschreckt mich zutiefst, wie diese Grundwerte im politischen Diskurs zurzeit öffentlich aufs Spiel gesetzt werden "

Ich halte das für falsch und gefährlich – ich schäme mich dafür. Mit welchen Maßstäben werden Menschen hier gemessen? Die Werte des Grundgesetzes und die Werte unserer jüdisch-christlichen Tradition sind es in meinen Augen jedenfalls nicht. Auf Basis dieser Werte haben wir nach Jahrhunderten autoritärer Erziehung und der Erfahrung der NS-Diktatur sozialwissenschaftliche Erkenntnisse etabliert, die auf die Stärkung und Förderung von Individuen und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung abzielen. Dazu gehört das Wissen, dass sich Verhaltensmuster nicht mit Drohungen und Abwertungen, sondern nur mit Unterstützung, gegenseitigem Vertrauen und gemeinsamen Perspektiven positiv verändern lassen. Druck und pauschale Unterstellungen tragen nicht zu einer Erhöhung der Zufriedenheit bei, auch nicht der Arbeitsleistung und Arbeitsmoral. Sie führen zu Resignation und sozialem Rückzugsverhalten - oder in die Arme extremistischer Gruppierungen und Parteien.

Unsere Zeit ist geprägt von wirtschaftlichen Umbrüchen, Kriegen, Migrationsbewegungen und Klimaveränderungen sowie damit verbundenen Zukunftssorgen, Existenzängsten und wirtschaftlichem Druck. Dieser Druck trifft alle hart, die in unserem Land und in Europa Verantwortung tragen: Unternehmer und Unternehmerinnen und Politiker und Politikerinnen und viele mehr. Menschen mit geringem Einkommen und Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder Gesundheit tragen aber besonders hart an den Folgen: Sie werden noch weiter von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen und spüren die Grenzen ihrer Existenz. Diesen Menschen die Schuld an der gegenwärtigen Situation zuzuschreiben, ist nicht nur unanständig, sondern brandgefährlich.


"Insbesondere gesellschaftlich Schwache, Kranke und Bedürftige werden pauschal als arbeitsscheu diffamiert, ihnen wird unterstellt, soziale Leistungen maximal auszunutzen und jegliche Spielräume für Eigeninteressen zu nutzen."

Wir sehen, wie leicht extremistische Parteien und autokratische Politiker mit scheinbar einfachen Antworten auf die komplexen Herausforderungen Wählerinnen und Wähler in ihre Netze ziehen. Allzu dankbar nehmen rechte Parteiprogramme die Stigmatisierung der Verletzlichen auf und werben unverhohlen mit der Kürzung jeglicher sozialer Unterstützung. Dem darf der politische Diskurs keinen Vorschub leisten. Politik, wirtschaftlichen Eliten und auch der Kirche kommt hier eine besondere Verantwortung zu. Für uns alle gilt es, unseren freiheitlichen Rechtsstaat zu schützen, mit unseren Worten nicht zu spalten und zu verletzen, sondern sie weise zu wägen und diese zu nutzen, um Menschen zu stärken und zu ermutigen.

Menschliche Werte an ökonomischer Effizienz, nationaler Zugehörigkeit oder gesellschaftlicher Verwertbarkeit zu messen widerspricht dem christlichen Menschenbild – und unserem Grundgesetz."

Kirchenpräsidentin Susanne Bei der Wieden
Leer, den 9. Februar 2025


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