Reformierte Weltgemeinschaft trifft sich in Thailand

Plenum der Generalversammlung 2027 in Leipzig (Archivfoto: Anna Siggelkow)

Reformierte Christen in buddhistischem Land: Die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK) kommt Mitte Oktober zu ihrer 27. Generalversammlung in Thailand zusammen. Die Tagung vom 14. bis 23. Oktober in Chiang Mai steht unter dem Motto „Beharrlichkeit im Zeugnis“ aus dem biblischen Hebräerbrief. Zugleich erinnert die internationale reformierte Kirchengemeinschaft an ihr 150-jähriges Bestehen.

Nach eigenen Angaben vereint der Verband über 100 Millionen Christinnen und Christen aus mehr als 230 Mitgliedskirchen in 109 Ländern. Sitz ist seit 2023 Hannover, zuletzt tagten die Delegierten 2017 in Leipzig.

Vor 20 Jahren sorgte das in Ghana beschlossene Accra-Bekenntnis des damaligen Reformierten Weltbundes für internationale Aufmerksamkeit. Mit ungewöhnlicher Klarheit und auch Schärfe kritisierte das Dokument die globale wirtschaftliche Ungerechtigkeit und ökologische Zerstörung. Das Bekenntnis wurde 2004 von der 24. Generalversammlung in Accra verabschiedet und 2010 bei der Gründung der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen offiziell bestätigt.

Das Accra-Bekenntnis von 2004 bezeichnete das globale Wirtschaftssystem als „götzendienerisch und sündhaft“. Bei seiner Veröffentlichung war es hochumstritten - galt aber zugleich als prophetisch. Das Accra-Bekenntnis sollte mit Blick auf Klimakrise, soziale Ungleichheit und Kriege ein Weckruf sein. Besonders umstritten war der darin verwendete Begriff „Imperium“ (Empire"). Damit ist ein Herrschaftssystem gemeint, das politische, wirtschaftliche, militärische und kulturelle Macht konzentriert - meist in den Händen mächtiger Staaten, transnationaler Konzerne und globaler Eliten.

Dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte der aus Ghana stammende langjährige WGRK-Generalsekretär Setri Nyomi: „Im Laufe der Zeit hat sich die überwiegende Mehrheit der Kirchen dazu bekannt, auch wenn immer wieder Details oder Begriffe kritisch diskutiert werden.“ Unmittelbar nach der Veröffentlichung habe es sehr viele Rückmeldungen gegeben. „Ein großer Teil davon kam von Kirchen im globalen Süden, die sehr positiv darauf reagierten und betonten, wie wichtig solche Impulse seien. Es gab aber auch kritische Stimmen, vor allem aus dem globalen Norden und aus Europa“.

Besonders zwischen 2008 und 2010 - ausgelöst durch die globale Finanzkrise - habe sich die Sichtweise verändert, ergänzte Nyomi: „Viele Kirchen, selbst im Norden, kamen auf uns zu und sagten: Ist das nicht das, was ihr vorhergesagt habt?“ Auch andere Kirchen haben das Bekenntnis inzwischen übernommen.

Die Mitgliedskirchen der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen haben ihre Wurzeln in der Reformation des 16. Jahrhunderts und insbesondere in der Theologie von Johannes Calvin (1509-1564). Aus Deutschland gehören der WGRK der Reformierte Bund, die Lippische Landeskirche, die Evangelisch-reformierte Kirche sowie die Evangelisch-altreformierte Kirche in Niedersachsen an.

Präsidentin der Weltgemeinschaft ist seit 2027 Pfarrerin Najla Kassab aus Beirut. Sie stammt aus dem Libanon aus der Partnerkirche NESSL und hat sich dort für Bildung und die Ordination von Frauen eingesetzt. Sie löste den südafrikanischen Pfarrer Jerry Pillay ab, den jetzigen Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK).

Auf den langjährigen Generalsekretär Nyomi, der das Amt zurzeit kommissarisch führt, folgt am 1. Februar kommenden Jahres Pfarrer Philip Vinod Peacock aus Indien. Er ist dann die erste Führungspersönlichkeit auf dieser Position aus Asien.

Die 27. Generalversammlung der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen kommt in einem überwiegend buddhistischen Land zusammen. Gastgeberin ist die Kirche Christi in Thailand, die von anderen asiatischen Mitgliedskirchen unterstützt wird. Chiang Mai ist eine Großstadt im Norden Thailands und die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. „Dies ist das zweite Mal, dass wir nach Asien gehen“, erinnerte Nyomi. 1989 tagten die Reformierten in Südkorea. Auch dort gab es keinen christlichen Mehrheitskontext. Nyomi: „Aber es war eine gute Generalversammlung - daher erwarten wir auch diesmal eine gelungene Versammlung.“

6. Oktober 2025
Evangelischer Pressedienst (epd)


Für die Evangelisch-reformierte Kirche nehmen Johannes de Vries, Pastor in Schüttorf und Mitglied im Moderamen der Gesamtsynode, sowie Anneke Bargheer aus dem Ausschuss für Partnerschaft und Mission an der Generalversammlung in Thailand teil.


Zeichen globaler Solidarität setzen

Setri Nyomi (Foto: WCRC)

Interview mit Setri Nyomi

epd: Herr Nyomi, was erwarten Sie von der Generalversammlung in Thailand mit Delegierten aus mehr als 100 Ländern?

Setri Nyomi: Wir versammeln uns unter dem Motto „Beharrlichkeit im Zeugnis“. Angesichts vieler Krisen und Ungerechtigkeiten ist es entscheidend, als Christen offen für Gottes Weckruf zu sein und konkrete Veränderungen anzustoßen. Wir wünschen uns, dass diese Generalversammlung, die nur etwa alle sieben Jahre stattfindet, als Orientierungspunkt für unsere weltweite Gemeinschaft dient - und bitten um das Gebet aller Mitglieder und Freunde.

epd: Welche globalen Herausforderungen werden das Treffen bestimmen?

Nyomi: Wir können aktuelle Krisen wie Klimawandel, Ungerechtigkeit und Konflikte nicht ausblenden - sie stehen im Mittelpunkt unserer Beratungen. Seit den 1980er Jahren engagieren wir uns intensiv für Klimagerechtigkeit, und soziale Gerechtigkeit bleibt für uns ein zentrales Thema.

epd: Wird auch der Nahostkonflikt bei der Generalversammlung diskutiert?

Nyomi: Ja, die Situation im Nahen Osten ist uns ein großes Anliegen. Das Leid und die Zerstörung nach dem 7. Oktober 2023 dürfen nicht übersehen werden. Wir werden deshalb kritisch reflektieren, was Gott uns angesichts dieser Herausforderungen aufträgt.

epd: Auf der 24. Generalversammlung des Reformierten Weltbundes - heute die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen - in Accra, Ghana, wurde das Bekenntnis von Accra verabschiedet. Der Text ist umstritten, vor allem wegen seiner scharfen Kritik an einer ungerechten globalen Wirtschaft. Wird das Dokument weiterentwickelt?

Nyomi: Das Accra-Bekenntnis ist für uns Referenzpunkt und Glaubensfundament. Anlässlich seines 20-jährigen Jubiläums entstand die Ergänzung „Accra+20“. Dabei geht es nicht um eine neue Erklärung, sondern um eine Vertiefung. Ein Glaubensbekenntnis muss hinterfragt und diskutiert werden - jede Zeit setzt eigene Schwerpunkte. Dennoch bleibt das Accra-Bekenntnis für uns ein Geschenk.

epd: Welche Reaktionen haben Sie auf das Accra-Bekenntnis erhalten?

Nyomi: Unmittelbar nach der Veröffentlichung erhielten wir sehr viele Rückmeldungen. Ein großer Teil davon kam von Kirchen im globalen Süden, die sehr positiv darauf reagierten und betonten, wie wichtig solche Impulse seien. Es gab aber auch kritische Stimmen, vor allem aus dem globalen Norden und aus Europa, die sich an bestimmten Formulierungen störten, insbesondere im Zusammenhang mit dem Begriff „Imperium“.

epd: Der Begriff „Imperium“ („Empire“) wird hier für ein weltweites, ungerechtes System verwendet, in dem politische, wirtschaftliche und militärische Mächte allein zu ihrem eigenen Vorteil handeln. Hat sich im Lauf der Jahre die Sichtweise auf das Accra-Bekenntnis verändert?

Nyomi: Besonders zwischen 2008 und 2010 - ausgelöst durch die globale Finanzkrise - begann sich die Sichtweise zu ändern. Viele Kirchen, selbst im Norden, kamen auf uns zu und sagten: Ist das nicht das, was ihr vorhergesagt habt? Mitgliedskirchen in Deutschland und Südafrika haben das Accra-Bekenntnis in Konsultationen ebenfalls positiv bewertet. Im Laufe der Zeit hat sich die überwiegende Mehrheit der Kirchen dazu bekannt, auch wenn immer wieder Details oder Begriffe kritisch diskutiert werden.

epd: Welche Bedeutung hat das Accra-Bekenntnis für die weltweite Ökumene?

Nyomi: Auch andere Kirchen haben das Bekenntnis übernommen und gewürdigt. Seit 2012 arbeiten wir gemeinsam mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen, dem Rat für Weltmission, den Methodisten und dem Lutherischen Weltbund an Initiativen für eine gerechtere internationale Finanz- und Wirtschaftsordnung.

epd: Sind reformierte Christen führend beim Einsatz gegen soziale Missstände?

Nyomi: Unser Selbstverständnis ist, engagiert und klar Position zu beziehen - ohne uns selbst zu loben. Schon zu Beginn unseres Bestehens im 19. Jahrhundert haben wir deutliche Stellung gegen Kolonialismus bezogen. Bis heute setzen wir uns für Gerechtigkeit und Menschenwürde ein, doch ob wir Vorbilder sind, müssen andere beurteilen.

epd: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit anderen Kirchen?

Nyomi: Wir arbeiten eng mit anderen christlichen Weltbünden zusammen und fördern nicht nur soziale Themen, sondern auch die Einheit der Christen. Wir sind offen für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit - als Teil von Gottes Plan.

epd: Gibt es Veränderungen im Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche, insbesondere unter Papst Leo XIV.?

Nyomi: Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren laufen intensive Dialoge. Wir fühlen uns durch die aktuellen Äußerungen von Papst Leo XIV. in unserem Kurs bestärkt und freuen uns auf weitere Kooperation, etwa zum Thema Klimagerechtigkeit.

epd: Warum wurde Chiang Mai in Thailand als Tagungsort gewählt?

Nyomi: Die Kirche Christi in Thailand hat uns eingeladen - sie ist zwar klein, aber sehr engagiert. Unser Besuch wird von Behörden und der buddhistischen Mehrheit in Thailand offen begrüßt. Interreligiöse Zusammenarbeit wird hier gelebt und wir erwarten eine inspirierende Versammlung.

epd: Gab es Bedenken, in einem überwiegend buddhistischen Land zu tagen?

Nyomi: Nein, im Gegenteil. Die christliche Minderheit pflegt sehr gute Beziehungen zu den buddhistischen Gemeinden. Dies ist das zweite Mal, dass wir nach Asien gehen. 1989 waren wir in Südkorea. Auch dort gab es keinen christlichen Mehrheitskontext, aber es war eine gute Generalversammlung - daher erwarten wir auch diesmal eine gelungene Versammlung.

epd-Gespräch: Stephan Cezanne
6. Oktober 2025

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