Luther und die Freiheit

Alle Preisträger auf der Bühne der Emslandarena (Foto: Jens Schulze)

Es war die größte Jugend-Veranstaltung in Niedersachsen zum Reformationsjubiläum. Rund 3.300 evangelische und katholische Schüler kamen in Lingen einen Tag lang zusammen, diskutierten über Luthers Ideen und feierten bei Musik und Poetry-Slam.

Der Würfel zeigt eine Fünf und Charlotte muss ihre Spielfigur ins "Fegefeuer" ziehen. "Macht nichts", ruft die 15-Jährige, "ich habe einen Ablassbrief gekauft und darf das Fegefeuer sofort wieder verlassen". Zusammen mit zwei Freundinnen spielt sie ein Spiel zur Reformation, das ein wenig an "Monopoly" erinnert. Es ist eines von 83 Schülerprojekten. Knapp 60 Projekte stellen sich am Donnerstag beim "Reformation Day and you" in Lingen rund 3.300 Schülern vor. "Eigentlich ist das mit dem Ablassbrief und dem Fegefeuer doof", sagt Charlotte: "Im Reli-Unterricht haben wir von Luther gelernt, dass Ablassbriefe nichts bringen und Gott uns vergibt, wenn wir Bockmist gebaut haben und es nachher richtig bedauern."

Mehr als 1.000 Schüler der Jahrgänge neun bis zwölf aus den Landkreisen Emsland und Grafschaft Bentheim haben sich unter der Überschrift "Wir gestalten Reformation. Sei dabei!" im vergangenen Schulhalbjahr intensiv mit dem 500. Reformationsjubiläum auseinandergesetzt. Sie entwickelten in zum Teil fächerübergreifenden Lerngruppen Filme, Theaterstücke oder Gedichte. Damit bewarben sie sich um einen der "Reformation-Day-Preise" des Evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Emsland-Bentheim, sagt Öffentlichkeitspastor Ulrich Hirndorf. Entstanden seien auch Vorträge, Musikstücke, Spiele und Fotoprojekte. Entwickelt wurde sogar eine ganze Unterrichtseinheit darüber, wie angehende Heilpfleger in einfacher Sprache Menschen mit geistigen Behinderungen Martin Luther und seine Ideen erklären können.

Die Schüler der Berufsbildenden Schule Gesundheit und Soziales in Nordhorn erhielten dafür einen der insgesamt 13 Preise zu je 1.000 Euro. Ausgezeichnet wurde auch der neunte Jahrgang des Gymnasiums Marianum in Meppen für sein Buch mit Elfchen-Gedichten. In einem Projekt des Religionsunterrichts schrieben 500 Schüler und Lehrer  500 elf Wörter lange, fünfzeilige Gedichte zu vorher ausgewählten Bibeltexten. Die Idee zu diesem Projekt entnahm Lehrerin Andrea Smoor der Broschüre „EinAusblick“, die die Evangelisch-reformierte Kirche zum Reformationsjubiläum veröffentlicht hatte.

Vor der Preisverleihung am Nachmittag mussten die Schüler allerding noch durch etwa eineinhalb Stunden Theater „Play Luther“. Das faktenreiche, musikalische Theaterstück über Leben und Werk Martin Luthers von Lukas Ullrich und Till Beyerbach traf überwiegend nicht den Geschmack der jungen Menschen. Das Smartphone oder das Gespräch vor der Halle waren attraktiver.

Viele der Schülerprojekte wurden parallel zur „Speisung der 3000“ in der Mittagszeit in einem Markt der Möglichkeiten vorgestellt. Der evangelisch-reformierte Kirchenpräsident Martin Heimbucher zeigt sich beeindruckt von der hohen Qualität der Beiträge. Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister meinte: "Das ist schon ein extrem komprimierter Crashkurs zum Thema Reformation, der Luthers damalige Anliegen mit der Gegenwart verbindet", sagt er. Der Osnabrücker katholische Bischof Franz-Josef Bode verweist auf die Ökumene: An den Projekten hätten sich evangelische und katholische Schüler und Schulen gleichermaßen beteiligt: "Auch dass sich drei leitende Theologen unterschiedlicher Konfessionen auf einer Bühne vor Tausenden Schülern einträchtig über Luthers Kernaussagen unterhalten, war vor 20 Jahren noch nicht denkbar."

Die Auseinandersetzung mit der Reformation hat auch auf die Schüler gewirkt. "Ich habe es eigentlich nicht so mit Glaubensdingen", räumt der 22-jährige Luca aus Nordhorn ein. Doch Luther und seine Thesen hätten ihn schwer beeindruckt. "Seine Idee von der Freiheit betrifft eigentlich jeden Menschen. Dadurch habe ich erst unser Grundgesetz richtig verstanden."

Bei Musik, einem Poetry-Slam und zahlreiche Mitmachaktionen ging es beim Reformation-Day zu wie bei einem großen Fest. "Das ist fast schon wie in Berlin beim Kirchentag", schwärmt Julia (17). Ihr Klassenkamerad Thorben stimmt ihr zu: "So was könnte ruhig öfter stattfinden." Am Ende des Tages treffen sich alle 3.300 Schüler wieder in der Emsland-Arena zur Preisverleihung und einem gemeinsamen "Vater unser"-Gebet. "Da kriegt man schon Gänsehaut", sagt Julia.

Von Jörg Nielsen (epd) und Ulf Preuß

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