Die Appelle an uns werden eindringlicher
Sabine Dreßler, Ökumenreferentin beim Reformierten Bund und ehemalige Pastorin der Gemeinde Braunschweig ist vor wenigen Tagen von einer Reise in den Nahen Osten zurückgekommen. Sie traf dort in Beirut, der Hauptstadt des Libanon, Vertreter der Evangelischen Kirche in Syrien und dem Libanon [National Synod of Syria and Lebanon (NESSL)], zu der 43 Kirchengemeinden mit 12.000 Mitgliedern gehören. Unter anderem gibt es Gemeinden in Homs und Aleppo.
Frau Dreßler, Sie waren zuletzt im Frühjahr in der Region, was hat sich seitdem verändert?
Ich nehme wahr, dass die Appelle an uns, die Kirchen im Westen, eindringlicher werden. Und zwar in ganz unterschiedlicher, beinahe paradoxer Weise: Zum einen sind viele einfach dankbar für die Rolle, die Deutschland in der Flüchtlingspolitik eingenommen hat und dies immer noch tut, gerade auch im Unterschied zu anderen Ländern. Aber die Kehrseite davon ist die Furcht, dass die Leute nicht zurückkommen und auf lange Sicht die Christen und damit das Christentum insgesamt aus dem Nahen Osten, verschwindet.
Ebenso deutlich höre ich die Bitte an uns, die Menschen, die jetzt bei uns leben, in ihrer ganzen Person wahrzunehmen, nicht nur unter dem label: Flüchtling. Sondern mit ihrer gesamten Biographie, mit all ihren Kompetenzen.
Schließlich habe ich in den Gesprächen auch die Trauer gespürt, dass so viele weggegangen sind oder fliehen mussten. Nicht nur, dass sie in ihren Gemeinden vermisst werden. Es klingt auch eine Bitterkeit an, von denen, die es in Syrien weiterhin aushalten.
Zur syrisch-libanesischen evangelischen Kirche gehört auch eine Kirchengemeinde in Aleppo, die Kämpfe um die Stadt werden in den letzten Tagen immer fürchterlicher. Was haben Sie über die Lage der Menschen dort erfahren?
Dass es ihnen schlecht und immer schlechter geht. Die Gemeinden liegen im westlichen Teil der Stadt, davon erfahren wir in unseren Medien ja kaum etwas. Wir sehen zumeist Bilder des zerbombten Ost-Aleppos. Trotzdem ist die Lage auf der anderen Seite kaum besser, abgesehen davon, dass die Bedrohung durch Bomben und schlechte Lebensbedingungen für die Zivilbevölkerung überall hoch ist.
Ein Kollege richtete einen dramatischen und unmissverständlichen Appell an uns: „Bring the fighting to an end! Stop arm deals!“ Also: Macht dem Krieg ein Ende! Stoppt den Waffenhandel. Er geht sicher davon aus, dass die westlichen Regierungen durchaus Möglichkeiten dazu hätten. Ich glaube, die Christen im Nahen Osten vermissen ein deutliches Zeichen von uns.
Auch die Rolle Russlands im Syrienkrieg kam zur Sprache und viele haben gefragt, warum der Westen es zulässt, dass Russland diese Rolle einnimmt?
Sie haben zusammen mit ihren Gesprächspartnern dort einen gemeinsamen Gottesdienst für den 3. Advent geplant, der in Gemeinden hier und dort gefeiert werden soll. Was versprechen sich die Christen dort von dem gemeinsamen Gebet?
Sie und wir glauben an die Kraft des Gebets. Wenn wir oft das Gefühl haben, gar nichts tun zu können, hilft es, sich darauf zu besinnen, was Christen zuerst tun sollten: Sich gemeinsam an Gott wenden und ihn zu bitten, der Not der Geschundenen und dem Krieg Einhalt zu gebieten. Und zum Beten gehört auch, Gott darum zu bitten, uns zu stärken, damit wir uns für den Frieden einsetzen und darin nicht nachzulassen. Auch, wenn das noch so aussichtslos erscheint.
Und als Zweites: Ein solcher Gottesdienst hilft uns, einander als Geschwister besser zu verstehen. Die Christen im Nahen Osten wüschen sich, dass wir sie besser kennen lernen. Dass wir überhaupt erfahren, dass es sie gibt. Sie machen dort nämlich eine wunderbare Arbeit. Sie sind sehr engagiert im Bildungsbereich. Sie sind im ständigen Dialog mit Muslimen, leben also nicht in Abgrenzung vom Islam. Sie arbeiten im Interesse einer gemeinsamen Zukunft der Religionen und wollen dort in guter Nachbarschaft leben.
2. Dezember 2016
Interview: Ulf Preuß
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